Internationaler Informationsbrief GM / PSA / Fiat-Chrysler Nr. 18 – April 2020

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde! Dieser Infobrief soll über die 2. Internationale Automobilarbeiterkonferenz und über die Entwicklungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und der Weltwirtschaftskrise informieren. Dazu haben wir Berichte aus Indien, Spanien, Frankreich, Deutschland, Kolumbien und den Philippinen bekommen – vielen Dank!

Infobrief Nr.18 als PDF in deutsch

Lettere informativa internazionale GM / PSA / Fiat-Chrysler No.18 -aprile 2020 in italiano

Der 1. Mai als unser internationaler Kampftag ist gerade in der heutigen Situation sehr wichtig! In der Autoindustrie stehen wir vor riesigen Herausforderungen. Deshalb ist es nicht hinnehmbar, wenn wie in Deutschland die Veranstaltungen zum 1. Mai von der Gewerkschaftsführung abgesagt werden. Wir müssen den 1. Mai ganz besonders nutzen um die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich zu bekräftigen! Wir schlagen allen Kolleginnen und Kollegen vor, diese Forderung sowie konkrete örtliche Forderungen am 1. Mai in geeigneter Form an die Öffentlichkeit zu tragen. In den USA gibt es eine breite Bewegung für Generalstreik am 1. Mai (mayday2020generalstrike), in Deutschland wie in vielen anderen Ländern kämpfen wir um öffentliche Kundgebungen – natürlich unter Beachtung des Gesundheitsschutzes. Wenn keine Kundgebungen möglich sein sollten, dann kann man Plakate aufhängen, Transparente an zentralen Plätzen oder auch am eigenen Haus anbringen.

 

Dabei sollten wir überall die Ergebnisse der 2. Internationalen Automobilarbeiterkonferenz vom Februar 2020 in Johannesburg (Südafrika) bekannt machen. Das internationale Kampfprogramm, das dort beschossen wurde, wird rechtzeitig vor dem 1. Mai in den wichtigsten Sprachen auf der website der Koordinierung www.automotiveworkers.org veröffentlicht. Die Konferenz mit über 200 Teilnehmern aus 19 Ländern war sehr erfolgreich und hat auch eine gestärkte Internationale Koordinierungsgruppe gewählt. Leider hat auf der Konferenz ein Teil der spanischen Teilnehmer die weitere Zusammenarbeit in Frage gestellt, weil sie nicht akzeptieren wollten, dass im Kampfprogramm auch der Kampf gegen den Antikommunismus aufgenommen wurde. Die Mehrheit der Delegierten hat dies so beschlossen, weil der Antikommunismus ein Angriff auf die Arbeitereinheit und auf alle fortschrittlichen Menschen ist.

 

Das Konzernforum für GM, PSA und Fiat-Chrysler hat eine gestärkte Koordinierung gewählt. Neben den drei bisherigen Repräsentanten Frank (USA), Mancha (Brasilien) und Fritz (Deutschland) wurde zusätzlich Verena (Deutschland) gewählt, eine junge Vertrauensfrau aus dem Opelwerk Rüsselsheim. Zusätzlich wurden mehrere Verantwortliche für Regionen bzw. Konzerne gewonnen. Es wurde beschlossen, die Zusammenarbeit bei GM und PSA auch auf den neu fusionierten Konzern Fiat-Chrysler auszudehnen. In dem Forum waren über 40 Kolleginnen und Kollegen aus den USA, Italien, Deutschland, Brasilien, Spanien, Indien, Frankreich, Südafrika, Indonesien, Philippinen, Tunesien, Türkei, Ukraine und den Niederlanden beteiligt. Es wurden Solidaritätsbotschaften für Zaragoza (Spanien), Bogota (Kolumbien), Talegaon (Indien) und Silao (Mexiko) beschlossen.

 

Wichtig und vorwärtstreibend war die Auseinandersetzung zu den internationalen Aktionstagen. Mehrere Teilnehmer kritisierten das aktionistische und eigenmächtige Vorgehen, ausgehend von einem Teil der Konzernsprecher zu einem Aktionstag Anfang 2019. Ohne vorherige Diskussion und Beschlussfassung innerhalb der Belegschaften sollte ein internationaler Aktionstag innerhalb weniger Wochen durchgeführt werden. Ein erfolgreicher Aktionstag braucht aber viel mehr Vorlauf- und Vorbereitungszeit, gemeinsam mit Kollegen in den Betrieben und innerhalb der Gewerkschaften muss ausreichend diskutiert werden können und eine breite Basis für eine Zusammenarbeit gewonnen werden. Es wurde bekräftigt, dass es sehr gut war, in Brasilien an dem Tag Streikaktionen in drei Werken zu machen, ein internationaler Aktionstag im eigentlichen Sinne kam aber nicht zur Stande.

 

Bestandteil der Konferenz war auch eine kämpferische, lebendige Demonstration in Vereeniging bei Johannesburg sowie ein sehr schönes Kulturprogramm, das vor allem von den südafrikanischen Gastgebern getragen wurde.

 

Die neu gewählten Repräsentanten der Zusammenarbeit bedanken sich für das Vertrauen und werden darum kämpfen, die Koordinierung höher zu entwickeln. Der wichtigste Schlag gegen die Herrschenden ist, wie wir uns immer besser koordinieren. Wir setzen dabei auf die vertrauensvolle Zusammenarbeit in den drei Konzernen. Dabei ist jeder einzelne gefragt, die Homepage für den Austausch zu nutzen und regelmäßige Berichten zu schreiben. Wir wollen auch weitere Kräfte ermuntern, sich unserer Solidaritätscharta anzuschließen.

 

Die erfolgreiche Konferenz ist eine hervorragende Grundlage, die Herausforderung der jetzigen Krisensituation mit gestärkter Kraft für die internationale Kooperation anzugehen.

 

Zu Corona-Krise und Wirtschaftskrise

 

Die Corona-Pandemie hat bereits hunderttausende Tote gefordert. Auch Kolleginnen und Kollegen aus den Werken der Autoindustrie und ihren Familien sind betroffen. Ihnen gilt unser Mitgefühl und unsere Solidarität! Indirekt sind viele Millionen Menschen von Werksschließungen, Entlassungen und Kurzarbeit betroffen. Das ist nicht nur eine Folge des Virus, sondern auch v.a. Der Weltwirtschafts- und Finanzkrise sowie der Strukturkrisen, die die kapitalistische Produktion bereits vor Corona erfasst haben. Alle diese Krisen verschärfen sich gegenseitig dramatisch. Der Zusammenschluss der Automobilarbeiter weltweit ist herausgefordert wie selten zuvor.

 

Wie ist die Lage? Die meisten Werke von GenerLettere informativa internazionale GM / PSA / Fiat-Chrysler No.18 -aprile 2020al Motors, PSA und Fiat-Chrysler sind geschlossen. Das passierte nicht freiwillig. Es gab eine Welle von Protest- und Kampfaktionen in vielen Ländern mit der Forderung nach vorübergehender Schließung der Werke zum Schutz vor dem Virus, z.T. verbunden mit der berechtigten Forderung, dass die Konzerne den Lohn zu 100% weiter zahlen. „Offensiv“ bei Opel Bochum gab ein Forderungskatalog heraus, der in verschiedenen Auto-Belegschaften und anderen Konzernen weiter verbreitet wurde. An der Spitze der Kampfaktionen standen die Fiat-Kollegen in Italien, aber auch in den USA, in Deutschland, Spanien, Frankreich und anderen Ländern haben Kolleginnen und Kollegen Druck gemacht für die vorübergehende Schließung. Teilweise wird jetzt der Lohn voll weiter bezahlt wie in Indien oder Brasilien. Teilweise wird ein Ausgleich bei Kurzarbeit gezahlt wie in Deutschland und Spanien, das ist ja wohl das Mindeste; die Konzerne lassen sich mit der Bezahlung des Kurzarbeitergeldes aus unseren Steuergeldern subventionieren. Aber viele Kolleginnen und Kollegen haben auch ihren Arbeitsplatz verloren, besonders Leiharbeiter und Beschäftigte von Zulieferbetrieben. Es gibt auch Standorte, die weiter arbeiten, speziell in der Logistik (Bochum (Deutschland), Vesoul (Frankreich). Hier wird keine Rücksicht auf die Gesundheit der Beschäftigten genommen, der Profit geht vor! Vereinzelt wurde die Produktion von Beatmungsgeräten aufgenommen (USA, Frankreich). Aber von einer allgemeinen Umstellung der Produktion auf Beatmungsgeräte kann keine Rede sein, wie ein Kollege aus Frankreich zu Recht kritisiert.

 

Wie geht es weiter? In Indien gilt eine staatlich angeordnete Schließung, in anderen Ländern sind noch Werke offen. Die Konzernchefs können es nicht erwarten, die Produktion wieder zu starten. Leere Fabriken ohne Produktion sind für sie Horror. Sie werden täglich daran erinnert, dass ohne uns Arbeiter die ganzen Produktionsanlagen nichts wert sind. Der Konkurrenzkampf um die Weltmarktspitze verschärft sich angesichts der Krisen erheblich. Konzerne versuchen früher als andere mit der Produktion starten um dadurch einen Vorteil im Konkurrenzkampf zu haben.

 

Die Chefs von PSA und von General Motors haben erklärt, dass sie möglichst früh die Produktion starten wollen. PSA wollte bereits am 31. März die Produktion in Valenciennes (Frankreich) wieder hoch fahren. Das scheiterte am Widerstand der Arbeiter und Gewerkschaften. Dann haben sie es in Vigo (Spanien) versucht, auch diesen Plan mussten sie wieder aufgeben. Der Gipfel war der Plan, das Werk Mulhouse in Frankreich frühzeitig wieder zu starten. Mulhouse ist das Zentrum der Corona-Pandemie in Frankreich!

 

Es ist ein Kampf um unsere Gesundheit, den wir aber auch in Verantwortung für die gesamte Bevölkerung führen. Die Ausbreitung des Virus muss gestoppt werden, dem gegenüber muss die Produktion von Gütern wie Autos zurückstehen. Zugleich müssen wir aber auch den Kampf gegen Arbeitsplatzvernichtung und Abwälzung der Krisenlasten auf uns führen. Es ist damit zu rechnen, dass die Konzernchefs versuchen werden, Werksschließungen, Entlassungen und Verschlechterungen bei Löhnen und Arbeitsbedingungen mit den Folgen der Corona-Pandemie zu rechtfertigen. Es handelt sich aber in erster Linie um Wirtschaftskrisen, die ihre gesetzmäßige Ursache im kapitalistischen System haben. Bereits vor Corona war die Schließung des Werkes Talegaon in Indien geplant, auch in Bogota (Kolumbien), Sao José (Brasilien), Rosario (Argentinien), Aspern (Österreich) oder in Eisenach (Deutschland) gab es Schließungspläne. Nach dem herrschenden bürgerlichen Recht können in Krisenzeiten auch Verträge außer Kraft gesetzt werden, die z.B. den Verzicht auf Kündigungen beinhalten. Darüber wird offenbar bereits nachgedacht! Auch sollen Umweltschutzauflagen rückgängig gemacht werden.

 

Im März ist der Automarkt in Europa um 55 Prozent eingebrochen, in den USA um 38 Prozent. In China war der Rückgang im Februar 80 Prozent. Es ist möglich, dass versucht wird, bestimmte Werke nach dem Produktionsstillstand gar nicht mehr zu starten. Die Belegschaften müssen sehr wachsam sein und gegebenenfalls die ganze Bevölkerung in ihren Regionen mobilisieren für den Kampf um jeden Arbeitsplatz.

 

Wir rufen zur Solidarität mit Travis Watkins aufLettere informativa internazionale GM / PSA / Fiat-Chrysler No.18 -aprile 2020, der sich als Beschäftigter einer ausgelagerten Firma und gewerkschaftlicher Vertrauensmann für den Gesundheitsschutz seiner Kollegen in Wyoming, Michigan (USA) eingesetzt hat. Unterstützt und verbreitet die Petition bei change.org: „Reinstate UAW member Travis Watkins at once!“

 

Wir rufen auch zur Solidarität mit Katrin Papke auf, die bei Opel in Bochum (Deutschland) über die ausgelagerte Firma Neovia beschäftigt war. Sie wurde politisch motiviert entlassen, weil sie für den „Klassenkampf gegen kapitalistische Ausbeutung“ steht. Der Gerichtstermin für ihre Klage dagegen ist am 27. Mai. Solidaritätsbotschaften sind willkommen.

 

Bitte, berichtet regelmäßig über die Entwicklungen in euren Ländern, Konzernen und Betrieben – besonders vom 1. Mai! Macht überall die Ergebnisse der internationalen Automobilarbeiterkonferenz in Südafrika bekannt! Und bleibt bitte gesund!

 

Mit solidarischen Grüßen

 

im Namen der Repräsentanten der internationalen Zusammenarbeit

Fritz Hofmann

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