Es tut sich was in den Ford-Belegschaften

1.2.2024: Korrespondenz: Ford ist in der Vernichtungsschlacht vor dem Hintergrund der Umstellung auf voll elektrisch betriebene Fahrzeuge und der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise weiter zurückgefallen und will mit Hilfe von Kapitalvernichtung seine Profitabilität steigern, um zu überleben. Gleichzeitig wirkt sich die Konkurrenz zwischen den imperialistischen Ländern aus: Ford verlagert – auch bereits geplante – Investitionen in die USA als Reaktion auf den „Inflation Reduction Act“ der US-Regierung, der Investitionen in den USA fördert und solche von US-Unternehmen außerhalb der USA finanziell belastet.

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Protestaktion der Gewerkschaft STM Intersindical Valencia am 23.11.2023

 

In 2023 wurde die Schließung bzw. drastische Reduzierung des Entwicklungszentrums in Köln angekündigt. Inzwischen ist die Ausgliederung als GmbH und CoKG beschlossen und die Belegschaft massiv unter Druck gesetzt, mit Abfindungen zu gehen. Das wurde bisher jedoch nicht in dem von Ford erhofften Maße angenommen.

Nur kurze Zeit nach der Eröffnungsshow des „Electrification Center“ mit Kanzler Scholz als Gast wurde der Produktionsstart des elektrischen „Explorer“ von Anfang 2024 auf Mitte 2024 verschoben. Diese Entscheidung weckte Zweifel in der Belegschaft, dass der Explorer überhaupt noch in Köln gebaut werden soll. Der Standort Craiova (Rumänien) wurde mehrheitlich an den türkischen Konzern Otosan verkauft. Ford hat dort noch eine Minderheitsbeteiligung von 49%. In Valencia hat Ford den Produktionsstart von E-PKWs auch aufgeschoben, bereits bewilligte Staatsmittel Spaniens wurden nicht abgerufen. Ein Verkauf an Otosan steht – bisher unbestätigt - auch im Raum. Es zeichnet sich ab, dass sich Ford aus der PKW-Produktion in Europa zurückzieht. Dass Ford überhaupt noch die Produktion des E-Explorer startet, hängt damit zusammen, dass Ford weiter seine Verbrenner-PKW in Europa verkaufen will. Dafür muss aber z.B. in Großbritannien eine bestimmte Anzahl voll elektrischer Fahrzeuge verkaufen, um hohen Strafzahlungen zu entgehen.

Der Streik der Automobilarbeiter in den USA hat in der Ford-Belegschaft große Sympathien ausgelöst. Das Kölner IAC-Komitee hatte eine Solierklärung von Ford-Kollegen initiiert und weiter geleitet (s.a. IAC-Webseite). Vor allem wurde aber eine Diskussion über das Streikrecht im IGM-Vertrauenskörper und unter den Kollegen angestoßen: Wenn die Arbeiter in den USA durchgesetzt haben, gegen geplante Arbeitsplatzvernichtungen zu streiken, warum tun wir das nicht auch?!

Am 21. Oktober 2023 fand, auf Einladung des IAC-Komitees Köln eine Veranstaltung zu 50 Jahre großer Ford-Streik statt mit breiter Resonanz im Betrieb und in der Öffentlichkeit und etwa 100 Teilnehmern, darunter zahlreichen Ford-Kollegen, teilweise auch aus dem Betriebsrat und Vertrauenskörper und Zeitzeugen von damals. Einer von ihnen sagte: „Ich wurde wegen meiner Rolle beim Streik 1973 entlassen, ich bin aber stolz darauf, dabei gewesen zu sein“. Im Mittelpunkt stand, was aus dem Streik von 1973 für die Situation heute gelernt werden kann.

Diese ganze Entwicklung führte zu einer zunehmenden Diskussion um einen selbständigen Streik gegen Arbeitsplatzvernichtung und um die Frage des vollständigen und allseitigen gesetzlichen Streikrechts. In der Kollegenzeitung „Scheinwerfer“ schlugen Kolleginnen und Kollegen der Belegschaft eine Reihe von Forderungen für einen selbständigen Streik vor. Unter diesen Forderungen wird Stellung bezogen für elektrisch betriebene Autos. Das steht gegen eine Stimmungsmache, dass die Umstellung auf E-Autos zur Arbeitsplatzvernichtung führe und es deshalb besser wäre, weiter den Fiesta mit Verbrennungsmotor zu produzieren: in den letzten 10 Jahren, in denen der Fiesta produziert wurde, hat Ford bereits fast 10.000 Arbeitsplätze in Köln vernichtet.

Der Betriebsrat rief wegen der Ankündigung der Verschiebung des Produktionsstarts Ende November 2023 zu einer Protestversammlung auf dem Werksgelände auf. Aus der Belegschaft gab es klare Signale mit einem Transparent „Wir sind bereit für Streik“, das von 160 Kollegen unterzeichnet wurde. Durch die IAC-Kontakte angeregt führte die kämpferische Gewerkschaft STN Intersindical in Valencia an demselben Tag eine Aktion durch. Die in der Belegschaft in Köln diskutierten Forderungen wurden nach Valencia übermittelt. Die 30-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich als Konzernvereinbarung erfährt ein wachsendes Interesse. Das unter anderem weil Ford seit einiger Zeit aus Mangel an Arbeit und um Widersprüche zu dämpfen, die Kollegen in der Fertigung für eine Woche pro Monat bezahlt zu Hause lässt. Das zeigt, dass sich Ford eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich leisten kann.

Gegen die Flüchtlingshetze und für die Entwicklung des internationalistischen Denkens war eine Veranstaltung des IGM-Vertrauenskörper bei Ford zur Flüchtlingspolitik von großer Bedeutung. Ein Vertreter des „Freundeskreis Flüchtlingssolidarität“ erhielt viel Applaus und überwältigende Zustimmung.

Anlässlich der Umweltkampftages am 9. Dezember 2023 machte das IAC-Komitee Köln zusammen mit der Umweltgewerkschaft einen Einsatz am einem Tor bei Ford. Es gab viele tiefer gehende Gespräche. 30 Kolleginnen und Kollegen unterzeichneten auf einem Transparent mit dem Motto „Kampf für Arbeitsplätze und Umwelt – für eine lebenswerte Zukunft“.

Die Belegschaft in Saarlouis zog aus dem Zerplatzen der Seifenblasen auf der Suche nach einem Investor die Schlussfolgerung, für ihre Arbeitsplätze zu streiken und wieder auf die Straße zu gehen. Der Bieterwettbewerb um die Produktion von E-Autos gegen die Ford Belegschaft Valencia wird inzwischen von vielen als bewusster Betrug gesehen. Das IAC-Komitee Köln übermittelte eine Solidaritätserklärung. Inzwischen hat die Betriebsratsführung vor dem Kampf um Arbeitsplätze offen kapituliert. Sie will durch Streik nur noch einen „möglichst guten“ Sozialtarifvertrag erstreiten. Gleichzeitig brummt regelrecht die Produktion des Focus in Saarlouis.

Im Dezember gab es ein über die IAC-Kontakte organisiertes Treffen in Valencia von IGM-Kollegen/innen aus Köln und der Gewerkschaft STN Intersindical. Dabei wurde die Vorbereitung eines gemeinsamen Aktionstages vereinbart. Kolleginnen und Kollegen von STN berichteten über einen – etwas zurückliegenden – erfolgreichen Streik in der Kantine von Ford Valencia gegen die Schließung der Kantine. Der hatte ganz breite Unterstützung in der Ford-Belegschaft. Kolleginnen aus Köln schlugen vor, dass eine Streikaktivistin am frauenpolitischen Ratschlag teilnimmt und dort berichtet. Kollegen aus Valencia sollen zu der geplanten Veranstaltung zu 20 Jahren Opel-Streik eingeladen werden.

 

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