Internationaler Informationsbrief General Motors / Stellantis Nr. 21 – September 2021

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Unser letzter Infobrief im März bekam sehr gute internationale Resonanz, mit Rückmeldungen aus Deutschland, Italien, Australien, Marokko, Frankreich, Polen und Mexico. Zwei italienische Webseiten haben ihn veröffentlicht, in Brasilien und Mexico wurde er weiter verbreitet. In Australien wurde er zusammen mit einem Vorwort abgedruckt, in dem entlassene Automobilarbeiter berichten, wie sie ihren Erfahrungsschatz im Arbeitskampf in ihre neuen Jobs mitgenommen haben.

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Super! Diese positive Entwicklung in Verbindung mit den Aktionstagen, die in den letzten Monaten stattfanden (siehe unten) zeigt, dass es ein großes Bedürfnis nach Koordinierung der Kämpfe über die Betriebsmauern und Ländergrenzen hinweg gibt! Es war ein wichtiges Signal, den Aufruf der italienischen Kollegen zum Aktionstag am 01. April mit dem letzten Infobrief bekannt zu machen. Die Betriebsratsliste Offensiv machte an dem Tag eine Toraktion in Bochum / Deutschland. All das sind kleine, aber bedeutsame Schritte der praktischen Koordinierung und Kooperation der internationalen Arbeiterkämpfe. Unsere Verbindung untereinander wurde enger.

Wir beglückwünschen die verletzten Kolleginnen und Kollegen in Bogota / Kolumbien, die vor dem Verfassungsgerichtshof von Kolumbien die Wiedereinstellung von 20 entlassenen Kollegen durch General Motors erreicht haben. Das ist vor allem der Erfolg des historischen Kampfes ihrer Organisation ASOTRECOL, die jetzt seit über zehn Jahren ihre Mahnwache im Zelt vor der US-Botschaft aufrechterhalten haben!

Wir beglückwünschen genauso die Kolleginnen und Kollegen des GM-Werkes Silao in Mexico, die bei 6.500 Beschäftigten mit 3214 zu 2623 Stimmen einen Tarifvertrag ablehnten, der Niedriglöhne, schlechte Arbeitssicherheit und fehlende Covid-19 - Schutzmaßnahmen beinhaltete. Da der schlechte Tarifvertrag unter Verantwortung der größten Gewerkschaft CTM zustande gekommen war, haben die Kolleginnen und Kollegen eine neue, unabhängige Gewerkschaft gegründet mit Namen SINTTIA. Wir gratulieren auch dazu, dass mit Maria Alejandra Morales Reynoso erstmals eine Frau an der Spitze einer Gewerkschaft in Mexico steht.

Im Brennpunkt der betrieblichen Auseinandersetzung in den letzten Monaten steht nach der Fusion von PSA und Fiat zu 'Stellantis' die verstärkte Ausbeutungsoffensive, bei General Motors vor allem die Arbeitsplatzvernichtung. Stellantis-Chef Tavarez steigert die Angriffe auf die Belegschaft. Sie haben ihren Ursprung in der verschärften Rivalität im internationalen Konkurrenzkampf in der Automobilindustrie und dem Drang nach Maximalprofit der Automonopole. Die schwersten Angriffe kamen in den letzten Wochen auf die Arbeitszeit, mit dem Vorstoß zur 84-Stundenwoche in Sterling Heights / Detroit und mit Verhandlungen durch Opel mit der IG-Metall in Deutschland zur weiteren Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Die Ankündigung, dass die Fusion zu einem jährlichen „Synergieeffekt“ von fünf Milliarden Dollar führen soll, lässt keine Zweifel zu, dass weitere Angriffe auf Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen zu erwarten sind. Die Herrschenden werden auf jeden Fall versuchen, die Krisenlasten noch verstärkt auf uns Arbeiter, unsere Familien und die breiten Massen abzuwälzen, auch wenn in Deutschland momentan noch die krisendämpfenden Maßnahmen wie die Kurzarbeit im Vordergrund stehen. Weltweit führen fehlende Chips zu Produktionsstopps. GM muss z.B. im September acht nordamerikanische Werke zeitweise anhalten.

Die Welt wird erschüttert durch die Wechselwirkung wirtschaftlicher, politischer, ökologischer, ideologischer, gesundheitlicher und sozialer Krisen, bis zu gesamtgesellschaftlichen Krisen verschiedener Länder. Die Corona-Pandemie entwickelt sich immer noch in vielen Ländern der Welt unkontrolliert. Weltweit gab es nach offiziellen Angaben bisher über 220 Millionen Corona-Infizierte und über 4,5 Millionen Corona-Tote. Indien (33 Mio. Infizierte), Brasilien (20 Mio. Infizierte), der Iran (5 Mio. Infizierte) sowie Malaysia, Japan, Türkei, MexiKo, Indonesien und Thailand haben sich neben den USA zu Hot-Spots entwickelt. In Indien sind bisher 440.000 Menschen an dem Corona-Virus gestorben, in Brasilien sind es über 580.000. In Michigan/USA musste die Autoproduktion eingeschränkt werden, weil 10% der Beschäftigten in Quarantäne mussten.

Täglich sterben bis zu 10.000 Menschen an Cocid-19, besonders weil die armen Länder viel zu wenig Impfstoff bekommen. Mit außerordentlicher Schnelligkeit wurden verschiedene brauchbare Impfstoffe entwickelt. Aber die großen Monopole der Pharma-Industrie und die Regierungen, die ihnen zu Diensten sind, verweigern aus Profitgründen die Freigabe der Patente.

Gleichzeitig nimmt die Kriegsgefahr zu und Umweltkatastrophen häufen sich: Hitze und Waldbrände auf der einen Seite, Überschwemmungen auf der anderen Seite. Die Jahre 2020 und 2021 wurden zum Offenbarungseid für die Unfähigkeit des Imperialismus, auch nur ein einziges der Menschheitsprobleme zu lösen.

 Aus den Werken:

Solidarität mit unseren Kollegen in Indien ist gefragt: General Motors hat in seinem Werk Talegaon in der Nähe von Pune am 12. Juli alle 1.086 gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten entlassen, nachdem sie das angebotene „Freiwillige Abfindungsprogramm“ nicht angenommen hatten. General Motors ist dabei, das Werk an Great Wall Motors, ein chinesisches Monopol, zu verkaufen und hat die Produktion eingestellt. Die Beschäftigten weigerten sich, das aufgezwungene Angebot anzunehmen. Sie sind in der General Motors India Employees Union organisiert, die der IndustriALL Global Union-Mitgliedsorganisation Shramik Ekta Mahasangh (SEM) angehört. Vertreter der Gewerkschaft haben an der Automobilarbeiterkonferenz in Südafrika teilgenommen. Bereits im April hatte GM 1419 Beschäftigte entlassen, wogegen die Gewerkschaft geklagt hat. Wir bitten dringend um Solidaritätserklärungen zur Weiterleitung über icog@iawc.info

Deutschland: Unsere Kollegen bei Opel in Eisenach sollen weiter mit Schichtverlängerungen, Samstags Früh- und Spätschicht ausgepresst werden. Ganz flexibel, wie PSA es gerade passt. Es wurde schon eine Sechs-Tage-Woche vereinbart. Auch in Rüsselsheim soll es zu so einer Vereinbarung kommen. Am 26. Mai gab es einen Aktionstag der IG-Metall in Rüsselsheim gegen diese Pläne von Stellantis. Es kamen Delegationen aus Eisenach, Kaiserslautern und Bochum und es wurde deutlich: Wir sind eine Belegschaft und müssen konzernweit zusammenhalten und kämpfen! In Bochum will Stellantis die Kollegen gegen die Kollegen in den französischen und italienischen Zentrallagern ausspielen, zum Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld und zu Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich erpressen. Wir reden hier nicht über einen notleidenden Betrieb. Um seine Aktionäre noch reicher zu machen und VW und Toyota den Krieg zu erklären, wollen sie die Konkurrenz weiter verschärfen. In Rüsselsheim hat sich der Psychoterror und die Mobbingmethoden der Geschäftsführung gegenüber den Kolleginnen und Kollegen verschärft. Schon seit geraumer Zeit wird seitens des Managements erklärt, dass, falls sich nicht genügen Leute 'freiwillig' zum Ausstieg aus dem Unternehmen bereit erklären, auch betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen werden.

In Frankreich rief die Gewerkschaft CGT die Kollegen von Stellantis, Renault und Zulieferbetrieben für den 22. Juni zum nationalen Streiktag auf gegen die zunehmenden Angriffe auf Arbeitsplätze, Löhne, Arbeitsbedingungen und Rente. Wir haben die Initiative sehr begrüßt und konnten eine Delegation aus Deutschland mobilisieren, die zur Aktion nach Sochaux gefahren ist. Dort haben wir die Arbeit der IAC vorgestellt und es wurde der Geist des konzernweiten Kampfs lebendig. Es konnte ein fester Kontakt von Bochum zum Warenverteilzentrum nach Vesoul/Frankreich aufgebaut werden, was PSA in Konkurrenz zum Warenverteilzentrum Bochum stellen will. Die CGT unterstützt in ganz Frankreich die Forderung nach einer 32-Stundenwoche. Dass unsere französischen Kollegen für die 32-Stundenwoche kämpfen und wir die Forderung nach der 30-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich aufstellen ist die richtige Antwort auf das kapitalistische Krisenchaos. Die Verbundenheit der französischen und deutschen Kolleginnen und Kollegen wurde mit diesem Aktionstag gestärkt!

Mit den Aktionstagen in Deutschland und Frankreich wurden gegen Stellantis‘ Horrorpläne wichtige Zeichen gesetzt und die internationale Solidarität gestärkt. Wir Arbeiter sprechen dieselbe Sprache, weil wir die gleichen Interessen haben. Die Notwendigkeit von internationalen Kampftagen muss weiter in den Belegschaften und Gewerkschaften diskutiert werden. Unsere Stärke liegt im gemeinsamen, länderübergreifenden Kampf und nicht darin, sich gegenseitig zu unterbieten!

In Mexico hat GM angekündigt 1 Milliarde US-Dollar in den Bau einer neuen E-Fabrik zu investieren. Kurz nach der Verkündung ging die Kritik aus den USA los, führend die Gewerkschaftsführung der UAW (United Auto Workers), warum GM in Mexico und nicht in den USA investiert. Ein solches Ausspielen der Arbeiter aus den USA gegenüber denen aus Mexico ist schädlich! Es fördert die sozialchauvinistische Hetze von Faschisten wie Trump, die in der Arbeiterklasse nationalistische Spaltung schüren. Wir verteidigen unsere Arbeitsplätze, wenden uns aber nie gegen andere Belegschaften oder Nationalitäten.

Ähnliche Auseinandersetzungen gibt es auch im Werk von Vauxhall in Ellesmere Port/England. Das Werk soll für 400 Millionen Pfund (466 Mio. Euro) für die Fertigung eines neuen Elektro-Vans umgerüstet werden. Der Astra soll dort nur noch bis 2022 gebaut werden und dann in Rüsselsheim/Deutschland weiter gebaut werden. In Rüsselsheim liefen bereits erste Astra-Rechtslenker vom Band. Hier hat Stellantis den Staat, die Gewerkschaft und die Kollegen mit der Forderung der Übernahme von Investitionskosten durch die Steuerzahler erpresst, sonst würde sich Stellantis von der britischen Insel verabschieden. Jetzt beteiligt sich der britische Staat mit 10 Prozent an den Investitionskosten. Der Gehalt des Sozialchauvinismus ist derselbe: Spaltung und Ausspielen der Arbeiter für nationale Interessen der Monopole. Das sind aber nicht unsere Interessen und der Einfluss des Sozialchauvinismus ist ein ernstes Problem, mit dem wir Arbeiter fertig werden müssen.

Seit Monaten werden Kollegen aus Gliwice/Polen ins Motorenwerk nach Tychy/Polen versetzt oder in Frankreich eingesetzt. Den Kollegen wird gedroht, wenn sie nicht in Frankreich arbeiten wollen, dann sollen sie die Abfindung nehmen.

Seit Stellantis in diesem Jahr durch die Fusion von Fiat Chrysler und der französischen PSA entstanden ist, steht die Produktion in Italien auf dem Prüfstand, weil sie angeblich mehr kostet als anderswo in Europa. Stellantis führt Gespräche mit der italienischen Regierung über den möglichen Bau einer neuen Batteriefabrik (Gigafactory) in Italien. Sie haben bereits zwei Batteriefabrik-Projekte in Frankreich und Deutschland und möchte noch weitere Gigafabriken in Europa und den Vereinigten Staaten noch in diesem Jahr beschließen. Italien ist einer seiner Hauptproduktionsstandorte in Europa.

Letztendlich trifft die Ausbeuteroffensive die Zukunft der Jugend. Ihre Perspektive eines Ausbildungs- und Arbeitsplatzes und einer unbefristeten Übernahme wird geraubt. Dagegen müssen wir uns noch enger zusammenschließen und gemeinsam für unsere Forderungen für die Zukunft der Jugend kämpfen. In Punkt sechs des Kampfprogramm der IAC fordern wir: „Weil wir an die Jugend denken, können wir uns unsere Arbeitsplätze nicht abkaufen lassen und seien die Abfindungen noch so hoch. Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz! Zweit- oder drittklassige Löhne untergraben die Zukunft unserer Arbeiterjugend und der neuen Generation. Die Arbeiterjugend ist besonders durch die Rechtlosigkeit durch Leiharbeit und Befristungen betroffen. Wir fordern die unbefristete Übernahme aller Auszubildenden entsprechend der Ausbildung und die dauerhafte Feststellung von Jungarbeiter*innen! Für ein kostenloses Bildungssystem auf höchstem Niveau!

Wir wollen auch nochmal daran erinnern, dass auf der 2. IAC eine Resolution beschlossen wurde mit dem Auftrag: "(...) Deshalb gibt die 2.IAC die Beratung über die Mitgliedschaft in der antiimperialistischen und antifaschistsischen Einheitsfront an die Basis zurück."

Inzwischen wurde die Gründung dieser Einheitsfront von 500 Organisationen aus 5 Kontinenten am 1. Mai bekannt gegeben. Die ICOG schrieb in ihrem Infobrief vom 1.6.21: "Der IAC wurde nun nochmal gefragt, ob sie in der Einheitsfront und derem Konsultativkomitee mitarbeiten will. Da allerdings auf der 2. IAC nicht die notwendige 80% Mehrheit für die Mitarbeit zustande kam, kann dies auch nicht nachträglich die ICOG beschließen.

Die Bewegung der Internationalen Automobilarbeiter*innen ist ein breiter Zusammenschluss mit vielfältigen Kräften, der noch ausgebaut werden soll. Es haben sich aber viele Teilnehmer und teilnehmende Organisationen der IAC für die Mitarbeit in der antiimperialistischen Einheitsfront gemeldet und weitere überlegen es sich. Wir schlagen daher vor, dass sich diese Teilnehmer zu einer Plattform in der IAC zusammenschließen, z.B. als „Plattform antiimperialistische Einheitsfront in der IAC“. Diese kann Teilnehmer der antiimperialistischen und antifaschistischen Einheitsfront werden und sich für die Mitarbeit in deren Konsultativkomitee bewerben. Bitte schreibt uns zurück, was ihr davon haltet und wer in der antiimperialistischen Einheitsfront und in dieser Plattform mitarbeiten möchte.“ (Rückmeldungen bitte direkt an die ICOG).

In den letzten Monaten ist viel passiert und wir konnten den internationalen Zusammenschluss der Arbeiter und die Koordinierung unserer Kämpfe ein gutes Stück vorwärts bringen. Lasst uns gemeinsam daran festhalten, die internationale Solidarität und unseren Zusammenschluss auszubauen. Schickt uns regelmäßige eure Erfahrungsberichte aus den Werken, besonders auch zu den Diskussionen in den Belegschaften und nicht nur bei Kämpfen oder Angriffen. Nur so können wir das gemeinsam verarbeiten und höher entwickeln.

Mit kämpferischen Grüßen,

Frank, Fritz und Verena

 

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