Internationaler Informationsbrief GM-Stellantis Nr. 20 – März 2021

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Die Fusion von PSA und Fiat ist jetzt offiziell. Der neu entstandene Mega-Konzern Stellantis beinhaltet 14 Marken, über 100 Produktionswerke in mehr als 30 Ländern und über 400.000 Beschäftigte. Konzernchef Tavares erklärte, die Fusion schaffe ein „Schutzschild für Jobs“ und im Zuge der Fusion werde es keine Werkschließungen geben. Ähnliches sagte er bereits bei der Fusion von PSA mit Opel. Seitdem sind bei Opel tausende Arbeitsplätze vernichtet worden. Die Ankündigung, dass die Fusion zu einem jährlichen „Synergieeffekt“ von fünf Milliarden Dollar führen soll, lässt keine Zweifel zu, dass weitere Angriffe auf Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen zu erwarten sind. In einer Erklärung von Stellantis heißt es, man sei „voll darauf fokussiert, die versprochenen Synergien voll auszuschöpfen.“

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Der Anlass für diese Erklärung war, dass die Arbeiter des Chrysler-Werkes Sterling Heights (Michigan, USA) sich gegen die Einführung der 84-Stundenwoche wehren. Diese Horror-Arbeitszeit von 12 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche wird ausdrücklich als Test bezeichnet. Dagegen rufen Fiat-Kollegen in ganz Italien mit Unterstützung der Gewerkschaft Si-COBAS für den 1. April zum zweistündigen Proteststreik auf, mit Versammlungen, bei denen neue Initiativen beraten werden sollen. Wir rufen zur Solidarität auf – Dieser Angriff muss von der ganzen Konzernbelegschaft gemeinsam zurückgeschlagen werden!

Wir veröffentlichen den Aufruf der italienischen Kollegen als Anhang zu diesem Infobrief. Macht diese Initiative in Betrieben und Gewerkschaften bekannt! Überlegt Euch Initiativen zur Unterstützung des Kampfes um kürzere Arbeitszeiten und zur Solidarität mit den Kollegen in USA und Italien! In Deutschland könnte das mit der laufenden Tarifrunde verbunden sein.

Auch im Werk Eisenach (Deutschland) kommt Tavares mit der Erpressung, dass das Werk nur eine Zukunft habe, wenn flexible Schichtmodelle über die heutigen zehn Schichten hinaus eingeführt werden.

Das Werk von Vauxhall in Ellesmere Port / England ist bereits akut gefährdet. Stellantis-Chef Tavares behauptet, dass die britische Regierung schuld sei, weil ab 2030 Autos mit Verbrennungsmotor nicht mehr zugelassen werden. Er will die britische Regierung um mehrere hundert Millionen Pfund erpressen und sich die notwendigen Investitionen vom britischen Steuerzahler bezahlen lassen. Der Konzern hätte schon lange in umweltfreundliche Antriebe investieren müssen – auf Kosten seiner Profite! Es steht die Zukunft von 1000 Arbeitsplätzen plus etwa 7.000 bei Zulieferbetrieben auf dem Spiel. Der Gewerkschaftsvertreter John Cooper erklärt: „Unite wird jeden Versuch, das Autowerk zu schließen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen.“ Kein Werk darf alleine stehen. Deshalb ist der konzernweite Kampf um jeden Arbeitsplatz herausgefordert!

Das kapitalistische Krisenchaos mit Coronakrise, Umweltkrise, mit Strukturkrisen und Weltwirtschafts- und Finanzkrise ist weder durch das Coronavirus verursacht, noch wird es mit der möglichen Eindämmung dieses Virus verschwinden. In Brasilien ist die Pandemie völlig außer Kontrolle. Die Entwicklung geht immer mehr auch in Richtung politischer und gesamtgesellschaftlicher Krisen. Auch aus Polen, Frankreich, Italien oder Deutschland bekommen wir Berichte über vielfältige Krisenentwicklungen.

Nach einem Jahr mit der Corona-Pandemie offenbart sich das Versagen des kapitalistischen Systems täglich mehr. Die Herstellung von Impfstoffen folgt der Profitgier der Konzerne, nicht dem Gesundheitsschutz der Massen. Internationale Konzerne wie Amazon machen Maximalprofite, während Millionen Kleinhändler auf der Welt ihre Existenz verlieren. Die Unzufriedenheit mit dieser Entwicklung wächst in allen Ländern, aber Unzufriedenheit allein ändert nichts. Es kommt darauf an, dass der Protest von den Arbeitern und ihren Gewerkschaften aktiv organisiert wird, wie eine Zuschrift aus Polen sagt: „Sonst zerstören sie uns“. Wir Arbeiterinnen und Arbeiter müssen uns organisieren und Verantwortung für den Kampf um unsere Rechte übernehmen, statt auf Hilfe von Stellvertretern zu warten. Wir müssen den Kampf auch gegen die Regierungen führen, die für das gescheiterte Krisenmanagement und die ganze Rechtsentwicklung verantwortlich sind!

Die Pandemie kann nicht wirksam bekämpft werden so lange die kapitalistischen Konzerne ihre Beschäftigten täglich der Ansteckungsgefahr aussetzen. In Deutschland unterstützen die kämpferischen Automobilarbeiter die Forderung nach einem konsequenten „Lockdown“ für zwei bis drei Wochen bei voller Bezahlung auf Kosten der Kapitalisten. Alle Betriebe, die nicht lebensnotwendig sind, müssen zeitweise geschlossen werden, damit die Pandemie wirklich unter Kontrolle kommt und wir uns wieder uneingeschränkt versammeln und bewegen können.

Anfang März wurde die Gewinnbilanz 2020 von Stellantis veröffentlicht. Beide Fusionspartner erzielten Gewinne. Sie haben im vergangenen Jahr 5,9 Millionen Autos abgesetzt und damit 134 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet. Das operative Ergebnis beträgt 7,1 Milliarden Euro, das sind 5,3 Prozent des Umsatzes. General Motors hat bei Verkauf von 6,9 Millionen Autos und 109 Milliarden Dollar Umsatz einen Gewinn von 6,4 Milliarden ausgewiesen, damit 5,9 Prozent Umsatzrendite.

Die Autoindustrie hatte weltweit einen Einbruch bei Produktion und Absatz in 2020 weltweit um 11,2 Millionen oder 15%, in Europa um 23,7%. Als einziges Land hat China noch ein kleines Wirtschaftswachstum zu verzeichnen. Gleichzeitig nimmt der Anteil der Elektro-Autos rasant zu. Im Sinne der Einheit von Mensch und Natur muss die Abkehr von fossilen Brennstoffen begrüßt werden, jedoch kann die Batterie- und Hybrid-Technologie keinesfalls eine dauerhafte Lösung sein. Die Automobilarbeiter sind mehr denn je herausgefordert, den Kampf um Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen mit dem Kampf um die Rettung der Umwelt zu verbinden!

 

Es ist ein Jahr nach der 2. internationalen Automobilarbeiterkonferenz in Südafrika vergangen. Eine wichtige Diskussion dort war die Frage des Antikommunismus als die Hauptmethode der Herrschenden uns Arbeiter untereinander zu spalten und uns in der vorbehaltlosen Zusammenarbeit zu lähmen. Es wurde kontrovers und vorwärts gerichtet diskutiert und ein weiterentwickeltes Kampfprogramm beschlossen, das den Kampf gegen den Antikommunismus beinhaltet. Wir fördern eine breite Diskussion über die Bewegung 'Gib Antikommunismus keine Chance' in den Betrieben und Gewerkschaften um die Einheit der Konzernbelegschaften zu stärken.

 

Wir bekamen wieder eine Reihe von Informationen aus verschiedenen Ländern:

 

In Deutschland startete am 1. März die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie mit Forderungen nach mehr Lohn und Arbeitszeitverkürzung. Die Monopole nutzen die Coronakrise knallhart aus und wollen erneut eine „Null“-Runde bis Mitte 2022. Schon in den ersten zwei Warnstreikwochen beteiligten sich 410.000 Arbeiterinnen und Arbeiter an Warnstreik und Kundgebungen. Der Unmut in den Belegschaften ist groß, besonders weil auch Angriffe auf Arbeitsplätze und Betriebsrenten drohen. Auch unter Gesundheitsschutzmaßnahmen kann und muss gekämpft werden!

 

Indien: GM hat im Werk Talegaon Ende des Jahres die Autoproduktion eingestellt und lässt noch bis März Ersatzteile produzieren. Der Kampf der Kollegen und ihrer Gewerkschaft, die bei der 2. Internationalen Automobilarbeiterkonferenz stark vertreten war, konnte diese brutale Entscheidung nicht verhindern. Tausende Arbeitsplätze werden vernichtet, weil die Profitrate auf dem umkämpften indischen Markt der Gier der Kapitalisten nicht ausreichte und Investitionen ihnen zu teuer waren. Der Kampf und die weltweite Solidarität waren aber nicht umsonst, sie haben uns fester zusammengeschlossen. Wir wünschen allen beteiligten Kolleginnen und Kollegen alles Gute und weiter gute Zusammenarbeit.

 

Ende Januar hat die Belegschaft des neuen PSA-Werkes Kénitra in Marokko einen Streik für höhere Löhne begonnen. Die Kapitalisten haben den Staat zu Hilfe gerufen, um mit militärischen Kräften den Streik zu beenden. Die Forderungen konnten zunächst nicht durchgesetzt werden, aber die Kollegen haben einen langen Atem. Im Werk wurde jetzt eine Gewerkschaft gegründet. Die Solidarität aus Frankreich und Deutschland war besonders stark. Wir bekamen Solidaritätsbotschaften für die marokkanischen Kollegen u.a. von zwei Freunden aus Marokko selbst (siehe IAC-Homepage).

 

Kolumbien: Am 23. Januar fand eine von „SABOCAT“ organisierte Videokonferenz für die kämpfenden Kollegen von ASOTRECOL in Bogota statt. Joshua Heuertz von SABOCAT nannte die Kollegen „Helden“, die seit fast zehn Jahren im Zelt vor der US-Botschaft ihre Mahnwache für Wiedereinstellung aufrecht erhalten. Die Videokonferenz hat sicher zur Stärkung der Solidaritätsbewegung beigetragen, besonders in den USA!

 

In Polen hat Stellantis bekanntlich neben das bisherige Opel-Werk in Glivice ein neues PSA-Werk gebaut und will die Arbeiter nur zu wesentlich schlechteren Bedingungen übernehmen. Die Gewerkschaft Solidarnosc hat eine lange Aufstellung gemacht, welche Verschlechterungen geplant sind. Ein Kollege schreibt uns: „Für höhere Profite wird die Firma alles auf unsere Kosten unternehmen. Die Strategie von Stellantis ist mehr arbeiten für weniger Lohn.“ In Tychy wurde sogar die Anwesenheitsprämie von 20 Euro pro Monat gestrichen.

 

Mexiko: Ein Kollege berichtet, dass die Angriffe auf Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen der Automobilarbeiter unter dem Vorwand der Corona-Pandemie weiter zugenommen haben. Gerade in den Zulieferbetrieben von GM, VW oder Nissan und in den Sonderwirtschaftszonen der Maquiladoras an der Nordgrenze gibt es täglich Ansteckungen und Todesfälle, ohne dass sich staatliche Stellen darum kümmern würden. Der Kollege sagt: „Wir sind nicht gewillt, weiter auf ihre Verhandlungen zu warten. Wir werden sie ohrfeigen müssen.“

 

Am 8. März war der internationale Frauentag. In Italien war das ein echter Streiktag mit Demonstrationen in Dutzenden Städten. Besonders hervorzuheben ist die Demonstration von 1500 Arbeiterinnen und Arbeitern vor Amazon in Piacenza gegen die besondere Ausbeutung und Unterdrückung der Frauen. Auch in anderen Ländern und Betrieben gab es dazu Aktionen und auch nahmen Automobilarbeiter*innen an Demonstrationen und Kundgebungen in den Innenstädten teil. Die Internationale Automobilarbeiterkoordination steht für den gemeinsamen internationalen Kampf der Automobilarbeiter*innen, für den Zusammenschluss über Länder- und Branchengrenzen hinweg. In ihrem Internationalen Kampfprogramm stellt sie Forderungen auf, wie „Gleiche Löhne für Frauen und Männer“ oder „kostenlose Betriebskindergärten“. Für die Befreiung der Frau ist es notwendig, dieses ungerechte System zu überwinden. Das gelingt nur mit dem gemeinsamen von Frauen und Männern, mit unermüdlicher Kleinarbeit zur Überzeugung immer weiterer Mitstreiterinnen und -streiter, gegen Spaltung und Unterdrückung, gegen Skepsis in die eigene Kraft, für einen optimistischen, weltanschaulich offenen Kampfgeist, den wir gerade heute brauchen.

 

Verbreitet unser Kampfprogramm, gewinnt neue Mitstreiter für unsere Solidaritätscharta! Und bitte schickt weiter und noch viel mehr regelmäßige Berichte von Eurer Arbeit, eurem Kampf, eurem Leben!

 

Solidarische Grüße,

Frank, Fritz und Verena

 

 

Anlage:

 

Aufruf zum Streik gegen die Erhöhung der täglichen Arbeitszeiten in Stellantis

auch in den italienischen Werken von FCA.

Eine wichtige internationalistische Initiative

Geschrieben am 7. März 2021 von prosso15 FCA Melfi - Arbeiter im Streik

 

Am 5. April 2021 beginnt im Stellantis-Werk in Sterling Heights, Michigan (USA), eine neue Verteilung der Schichten und Arbeitszeiten. Die neue Arbeitsorganisation sieht vor, dass an vierzehn aufeinanderfolgenden Tagen (einschließlich Samstagen und Sonntagen) vier statt bisher drei Teams mit zwölf statt bisher acht Arbeitsstunden pro Tag pro Team arbeiten.

Zunächst war es den Sterling-Arbeitern gelungen, sich zu wehren und diese weitere Ausbeutung zu stoppen, aber Stellantis und die Gewerkschaft UAW haben den Kampf der Arbeiter unterlaufen und behaupteten, dass der von ihnen geschlossene und unterzeichnete Vertrag für 2019 dies erlaube.

In einer Welt, in der Maschinen die Arbeitskraft von Frauen und Männern ersetzen, würde es Sinn machen, sich zu organisieren, um weniger zu arbeiten, die Arbeitszeiten, das Arbeitstempo und die Arbeitsbelastung zu senken und die heutigen Hungerlöhne zu erhöhen, aber stattdessen erhöhen die Bosse die Arbeitszeiten auf ein unmenschliches Niveau und machen weiterhin Profit, sowohl auf der Haut der Arbeiter als auch durch den technologischen Fortschritt der Anlagen.

Nach Sterling werden die Chefs die gleiche Erpressung der Arbeiter in die Waagschale werfen, wird in allen Fabriken von Stellantis auf der ganzen Welt nach Augenblicksinteressen gehandelt, und wir können sicher sein, dass die neue Organisation der Arbeit uns wie ein Rasiermesser an den Hals gesetzt wird. Was die italienischen Fabriken betrifft, so hat der CEO Tavares bereits erklärt, dass die Produktionskosten in unserem Land viel höher sind als anderswo: gegen uns ist das Rasiermesser bereits geschärft...

Die üblichen Bediensteten werden zusammen mit dem Eigentümer argumentieren, dass die einzige Lösung für das Überleben der Fabriken eine neue Organisation der Arbeit ist, so dass sich unsere Gesundheit und unser Gehalt verschlechtern werden.

Es gibt keine einzige FCA-, PSA-, oder Stellantis-Anlage oder mit welchem Namen auch immer sie in Zukunft unterschreiben werden, die mit dem Geld der Eigentümer gebaut wurde oder wird, kein einziger Euro Gewinn ist dank ihrer Arbeit in ihre Taschen geflossen, es gibt keine einzige Regierung auf der Welt, die ihre Kassen nicht mit zig Milliarden an nicht rückzahlbarer Finanzierung gefüllt hat.

Trotz der Tatsache, dass sie immer von unserer Arbeit und endlosen öffentlichen Geldern gelebt haben, ist ihr Hunger nach Macht über den Menschen nicht geringer als ihr Hunger nach Geld; also erzwingen sie diese weitere, unmenschliche, Verschlechterung der Arbeitszeiten, aber wir müssen uns unbedingt auf die Seite unserer amerikanischen Kollegen stellen und eine Botschaft des Protests und der Arbeitersolidarität an die Bosse senden.

Die Bosse haben das politische Werkzeug, das immer unter ihrer Kontrolle war, und die wirtschaftlichen Mittel, um die Gewerkschaften zu bestechen, wie es sich in den Vereinigten Staaten zwischen FCA und UAW gezeigt hat, wofür FCA eine Strafe von 30 Millionen Dollar zahlen muss. Wir Arbeiter haben die Solidarität und das Wissen, dass die Bosse ohne unsere Arbeit nicht existieren würden: die Zeit ist gekommen, alle Werkzeuge des Kampfes in unserem Besitz zu benutzen.

Heute sind wir aufgerufen, gegen ein Arbeitsmodell zu kämpfen, das Tausende von Kilometern entfernt ist, aber in ein paar Monaten in unserer Nähe sein kann, ein Modell, das mit der Solidarität und Stärke der Arbeiter besiegt werden muss.

Gegen die Arbeitszeitverlängerung im Werk Sterling Heights wird am 1. April 2021 in den Stellantis-Werken Melfi, Pomigliano, Mirafiori, Cassino, Sevel Val di Sangro und Termoli zu einem zweistündigen Streik in allen Schichten aufgerufen, mit Versammlungen, um neue Initiativen zu besprechen, die umgesetzt werden sollen.

Wir hätten unsere Initiative gerne mit dem Beginn der neuen Arbeitsorganisation in Sterling Heights zusammenfallen lassen, aber da dieser in die Osterferien fällt, mussten wir den Streik auf das oben angegebene Datum verschieben.

ITALIENISCHE STELLANTIS-ARBEITER – GEGEN DIE VERSKLAVUNG DER ARBEITSZEIT

 

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