Internationaler Informationsbrief GM-PSA-FCA Nr. 19 – Dezember 2020

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde! In der Corona-Pandemie in Wechselwirkung mit der Weltwirtschafts- und Finanzkrise sowie der Umweltkrise sind wir Automobilarbeiter herausgefordert, nicht nur unsere Arbeitsplätze zu verteidigen, sondern die Arbeiteroffensive zu entfalten gegen die Rechtsentwicklung der Regierungen und die Auswüchse des ganzen Krisenchaos der kapitalistischen Systeme!

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Die Corona-Pandemie und die Weltwirtschaftskrise verstärken sich gegenseitig. Weltweit gibt es eine beschleunigte Tendenz zu einer gesamtgesellschaftlichen Krise des imperialistischen Weltsystems. In einigen Ländern hat die gesamtgesellschaftliche Krise schon begonnen, wie in USA, Belarus, Brasilien, Peru, Libanon oder Israel verbunden mit fortschrittlichen Massenkämpfen und -protesten, wo Arbeiter nicht selten vorne dran stehen. In den USA zeigt sich schon seit Monaten eine scharfe gesellschaftliche Polarisierung mit Massenkämpfen gegen Rassismus, Protesten gegen das katastrophale Krisenmanagement von Donald Trump in der Corona-Krise und gegen seine Versuche, seine Abwahl als Präsident nicht anzuerkennen. Die Demonstranten sind selbst vor dem Einsatz der Nationalgarde nicht zurückgewichen. Mit der Übernahme der Präsidentschaft von Biden wurde die Situation zunächst entschärft. Auf der anderen Seite gibt es eine faschistische Tendenz, die nicht unterschätzt werden darf. In Ländern wie Belarus, Libanon, Frankreich, Brasilien, Israel, Polen oder Thailand erleben wir fortschrittliche Massenkämpfe..

 

Insgesamt ist die Automobilproduktion dieses Jahr von fast 80 Millionen weltweit im Jahr 2017 auf etwa 62 Millionen eingebrochen. In Europa wurden bis Oktober 2020 27 Prozent weniger Fahrzeuge zugelassen als im letzten Jahr. Überdurchschnittlich verlor PSA um 34,2 Prozent, Opel/Vauxhall um 45,5 Prozent und die FCA-Gruppe um 30,8 Prozent. In Brasilien sanken die Verkaufszahlen um 31 Prozent, in Indien um 25 Prozent, während China sich schneller erholt und nur zehn Prozent unter den Verkäufen des letzten Jahres liegt. Die Vernichtungsschlacht um die Weltmarktspitze verschärft sich damit weiter. Der Kampf der Arbeiter ist entbrannt gegen alle Versuche, die Lasten der Krise auf uns Arbeiter und unsere Familien abzuwälzen. Überall wurde die Produktion im Frühjahr nach der Schließung aufgrund der Corona-Pandemie wieder gestartet, aber oft wurden Leiharbeiter entlassen und nur geringere Stückzahlen produziert.

Aufgrund eurer Berichte müssen wir sagen, dass die Situation der Arbeiterinnen und Arbeiter sich weiter dramatisch verschlechtert hat. Hunderttausende haben bereits vor der Corona-Pandemie ihre Arbeitsplätze verloren, Zehntausende sind dazu gekommen. In vielen Ländern, besonders in Europa, sind die Corona-Infektionen im November und Dezember auf Rekordniveau. Das bürgerliche Krisenmanagement schiebt die Ursache der dramatische Entwicklung in erster Linie der einfachen Bevölkerung zu, demokratische Rechte und Freiheiten werden weiter massiv eingeschränkt, aber von Infektionsketten in der Industrie, wo Arbeiter weiter eng zusammen arbeiten, wird nicht berichtet. Arbeiter setzen sich für besseren Gesundheitsschutz mit Testungen in den Betrieben, Entzerrung des Schichtwechsels, Senkung der Taktzeiten und mehr Pausen, volle Lohnfortzahlung bei Quarantäne, Information der Belegschaften, usw. ein. Wir sind herausgefordert, in dieser Situation den gemeinsamen Kampf über Länder- und Konzerngrenzen hinweg vorzubereiten und zu organisieren!

 

Wie sieht es in den einzelnen Ländern aus?

 

In Talegaon (Indien) hat GM das Produktionswerk an Great Wall verkauft, aber ohne die Arbeiter. Sie wollen die Produktion von Autos Ende 2020 einstellen und die Arbeiter schrittweise entlassen. Ähnlich lief es in Thailand. Die Arbeiter in Talegaon kämpfen mit ihrer Gewerkschaft General Motors India Union um ihre Arbeitsplätze und wir haben sie jederzeit nach Kräften mit Informationen und Solidarität unterstützt seit wir uns in Südafrika getroffen haben. Die internationale Solidarität für den Kampf der indischen Kollegen ist bis zum letzten Tag wichtig!

Ein weltweiter Höhepunkt war der Generalstreik in Indien Ende November, an dem sich mindestens 250 Millionen Arbeiter und Angestellte beteiligten. Er richtete sich gegen die Angriffe der Modi-Regierung auf Arbeitsgesetze und grundlegende Arbeiter- und Gewerkschaftsrechte und gegen ihr Versagen in der Corona-Pandemie.

 

In Korea steht die Belegschaft von GM Bupyeong (Incheon) im Kampf um höhere Löhne und die Internationale Koordinierungsgruppe der Internationalen Automobilarbeiter-Koordinierung hat eine Solidaritätsbotschaft geschickt.

 

In den USA haben im Juli Arbeiter in den FCA-Werken Sterling Heights und Jefferson North (Detroit) die Arbeit niedergelegt für besseren Gesundheitsschutz in der Corona-Pandemie. Bei den Präsidentschaftswahlen hat Donald Trump die Mehrheit im Automobilarbeiter-Staat Michigan und einigen anderen verloren. Die Großstädte haben in der Mehrzahlt nicht für Trump gestimmt und die Großstädte bestehen mehrheitlich aus der Arbeiterklasse. Dass der Faschist Donald Trump abgewählt wurde ist ein großer Erfolg der Arbeiter-, Frauen – und Volksbewegung in den USA! Aber auch Biden steht für eine massenfeindliche Politik.

 

In Deutschland scheitert in verschiedenen Konzernen, wie u.a. bei Daimler, bei VW und Opel die reformistische Taktik der „Zukunftsverträge“ offen. Den Arbeitern wurde versprochen, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten, wenn sie im Gegenzug auf einen Teil des Lohns verzichten. Das wurde dann als „Arbeitsplatzgarantie“ verkauft. Die klassenkämpferischen Kollegen haben solche Erpressungsverträge immer abgelehnt. Erstens zahlen wir nicht mit Lohnverlust dafür, dass wir weiter ausgebeutet werden dürfen. Und zweitens hat jeder dieser Verträge die Klausel, dass er in Krisenzeiten seine Gültigkeit verliert. Daimler, MAN und Opel drohen jetzt aufgrund solcher Verträge mit betriebsbedingten Kündigungen.

Auch unter Corona-Bedingungen nehmen die Kolleginnen und Kollegen dieser Konzerne den Kampf um jeden Arbeitsplatz auf wie z.B. in Rüsselsheim mit einem gewerkschaftlichen Aktionstag mit Autokorso mit Demoradio am 24. November mit 1.500 Autos und mehr als 3.000 Teilnehmern gegen die Angriffe auf die Belegschaft. Auch die Werke Kaiserslautern und Bochum haben sich mit ihren Familien daran beteiligt.

In Eisenach wurde die zweite Schicht weitgehend eingestellt. Die Belegschaft hat kämpferische Pausenversammlungen gemacht und am Aktionstag ebenfalls einen Autokorso.

In Bochum steht der Kampf gegen das systematische Mobbing und gegen die Verlängerung der Arbeitszeit im Zentrum.

Es ist an der Zeit, jetzt vor allem den Kampf für die 30-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich aufzunehmen gegen Versuche, die Arbeitszeit zu verlängern oder die Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich zu verkürzen. Beides würde Lohnabbau bedeuten, was wir keinesfalls akzeptieren können.

 

Aus Bogota (Kolumbien) bekamen wir einen Bericht über die dramatische Situation der GM-Arbeiter und ihrer Gewerkschaften. Mit Genehmigung des Arbeitsministeriums wurden über 100 Arbeiter entlassen, darunter kranke und verletzte Arbeiter. Die Mahnwache der entlassenen verletzten Arbeiter und ihrer Organisation ASOTRECOL hält nun schon über 9 Jahre oder 3400 Tage an. Sie widersetzen sich der Praxis von GM, über Jahrzehnte immer wieder verletzte Arbeiter zu entlassen und dafür junge und gesunde Arbeiter einzustellen. Im Betrieb konnten die Arbeiter und ihre Gewerkschaften in dieser Situation den Verlust von einigen Lohnbestandteilen nicht verhindern.

 

Auch aus Gliwice (Polen) wird uns berichtet, dass die Situation der Arbeiter noch nie so schlecht war. Kollegen werden erpresst, nach Frankreich zum Arbeiten zu gehen, andere wurden in das Motorenwerk Tychy versetzt und etwa 700 haben ihren Arbeitsplatz verloren. Erst im August 2022 sollen die Kollegen wieder nach Gliwice zurückkehren.

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Die Umweltkrise verschärft sich weiter dramatisch mit dem Schmelzen des Polar-Eises, Trockenheit und Überschwemmungen. Die Umstellung des Verkehrs auf Null-Emissionen muss beschleunigt werden! Hier sind unsere Kolleginnen und Kollegen in den USA sehr aktiv für die Umstellung der Produktion. Wir sind uns aber auch im Klaren, dass die Rettung der menschlichen Lebensbedingungen auf der Erde einen systemverändernden Kampf erfordert.

 

Das Krisenchaos des kapitalistischen Systems erfordert, über dieses System hinaus zu denken. Wir haben uns bei unserer 2. Internationalen Automobilarbeiterkonferenz im Februar in Südafrika verständigt, dass wir antikommunistische Denkverbote nicht akzeptieren. Darüber sollten wir uns auch mehr austauschen und eure Berichte und Erfahrungen damit in den Betrieben sind sehr wertvoll! Wir rufen euch auf, die Homepage der IAC mehr für den Erfahrungsaustausch zu nutzen und uns auch regelmäßig über eure Erfahrungen zu berichten, nicht nur wenn es Angriffe oder Kämpfe gibt, sondern auch über die Arbeit zur Vorbereitung von Kämpfen und wie ihr bisher unser beschlossenes Kampfprogramm verbreitet und eingesetzt habt.

 

Wir wünschen euch und uns allen schöne und erholsame Weihnachtsfeiertage und einen guten Rutsch in ein kämpferisches neues Jahr 2021.

 

Bleibt gesund! Mit solidarischen Grüßen,

 

Frank, Fritz und Verena

 

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